Es geht immer billiger: Der Siegeszug der Discount-Modeketten

In vielen Städten Deutschlands bietet sich mittlerweile ein bekanntes Bild: Junge Mädchen, im Teenageralter oder sogar jünger, schleppen nicht selten mehrere prall gefüllte Primarktüten durch die Straßen. Im Geschäft selbst herrscht zu Stoßzeiten Chaos, lange Schlangen an Kassen und Umkleidekabinen sind normal, mitunter gleicht der Laden einem Wühltisch. Längst hat in unserer Gesellschaft der Stellenwert Markenmode abgenommen, während gleichzeitig fast monatlich neue Must have Fashion Trends in die Läden gespült werden. Gerade junge Menschen möchten da mithalten können und gleichzeitig möglichst wenig Geld ausgeben. Wer bei Primark shoppen geht, kann sich für unter 100€ von Kopf bis Fuß stylisch einkleiden – inklusive Schuhe und Accessoires. Primark kopiert oft die Mode von angesagten und hochpreisigen Ketten wie Zara oder River Island. Wenn dort eine Bluse für fast 50€ im Geschäft hängt, kann man ein verblüffend ähnliches Modell sicher bald für 13€ bei Primark ergattern.

Das Konzept geht auf: Wenn ein neuer Primark in einer Stadt aufmacht, brechen bei anderen „Billigmode“-Läden, allen voran Platzhirsch H&M, die Umsatzwerte ein.


Warum Discountmode so enorm erfolgreich ist, liegt also auf der Hand. Wie die günstigen Preise zustande kommen, ist ebenfalls kein Geheimnis: Der Discounter lässt in Entwicklungs-und Schwellenländern produzieren, ganz vorne dabei sind die Textilhochburgen Indien und Bangladesch. Dort produzieren Näherinnen zu niedrigen Löhnen und unter prekären Arbeitsbedingungen die Wegwerfmode, die wir in den westlichen Ländern höchstens eine Saison lang tragen. Primark erklärt die niedrigen Preise mit einem Verzicht auf hohe Margen – dass ein T-Shirt für 3€ aber trotzdem nicht unter fairen Bedingungen produziert sein kann, liegt auf der Hand.

Im April 2013 stürzte in Bangladesch eine riesige Textilfabrik, das Rana Plaza, ein und begrub Tausende Arbeiter unter sich. Mehr als 1000 Fabrikarbeiter kamen bei dem Einsturz ums Leben. Die Polizei ermittelte, dass an dem achtstöckigen Gebäude am Vortag Risse entdeckt worden waren, daraufhin sollte niemand die Fabrik betreten. Mehr als 3000 Fabrikarbeiter, größtenteils Frauen, wurden jedoch trotzdem gezwungen, ihre Arbeit aufzunehmen.

„Wegwerfmode“ wird oft unter schlechten Bedingungen hergestellt

Wer Primark liebt, verdrängt den Gedanken an schlecht behandelte Arbeiterinnen aber gern, Geiz ist immerhin geil. Also boomt das Geschäft mit der Billigmode weiterhin. Primark hat für das Jahr 2017 weitere Filialeröffnungen geplant.

Zugebeben, beim Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit konnten Discount-Läden wie H&M und Primark zuletzt beeindrucken. Während einem früher aus den Läden oft ein starker Chemiegeruch entgegenschlug, verwenden die Discounter mittlerweile immerhin keine gesundheitsschädlichen Chemikalien mehr und bemühen sich um eine geringere Wasserverschmutzung. Primark gerät aber auch öfter allein deshalb in die Schlagzeilen, weil besonders Jugendlichen durch die Wegwerfmode ein falsches Konsumverständnis vermittelt wird.  Viele Teenager machen sich keine Gedanken darüber, wo ihre Mode herkommt und wer sie unter welchen Bedingungen geschneidert hat. Stattdessen ist es wichtiger, mit den neuesten Trends up to date zu bleiben. Die neue Jeans, die man dann bei Primark für 10€ ergattert hat, landet nach wenigen Wochen im Müll. Früher war Kleidung teurer, dafür aber auch hochwertiger und wurde länger getragen. Ein Wintermantel für Kinder wurde beispielsweise oft so lange benutzt, bis man herausgewachsen war. Meist trugen die jüngeren Geschwister alte Kleidung dann auf, zumindest in Familien mit einem geringeren Einkommen. Heute klingt so etwas für uns oft unvorstellbar. Die Fashion-Indsutrie boomt seit Jahren mehr als je zuvor, der Textilmarkt in Deutschland ist stark umkämpft. Wer mithalten will, muss sich zwangsläufig anpassen oder mit hohen Absatzeinbußungen rechnen, weil die Kundschaft abwandert. Vorbei sind die Zeiten, in denen ein gutes paar Hosen geliebt und unzählige Male getragen wurde. Shoppingbegeisterte Teenies heutzutagen wollen kaufen, kaufen, kaufen. Da landet nicht selten sogar ein Kleid oder eine Handtasche im Einkaufskorb, für die man eigentlich keinen rechten Verwendungszweck hat – das Teil kostet aber immerhin ja nur 10€.

Bei der Eröffnung einer Primark Filiale in Hannover kamen übrigens mehr als 25.000 kaufwillige Besucher, die sich kreischend hinter den Absperrungen drängten. Deutschland-Chef Krogmann zog eine positive Bilanz des Tages, mitunter auch weil „niemand verletzt wurde“. Na, immerhin.

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